Speed Figures bei Pferderennen: Leistung in Zahlen messen

Speed Figures zur Leistungsmessung bei Pferderennen

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Vor Jahren habe ich zwei Pferde verglichen: Eines gewann ein Rennen in 1:38 Minuten, das andere in 1:42 Minuten. Das schnellere Pferd musste besser sein – dachte ich. Dann erfuhr ich, dass das erste Rennen auf einer kürzeren Distanz bei Rückenwind und auf festem Boden stattfand, während das zweite auf schwerem Geläuf mit Gegenwind gelaufen wurde. Reine Rennzeiten sind wertlos ohne Kontext. Speed Figures liefern genau diesen Kontext – sie übersetzen Rennleistungen in vergleichbare Zahlen, bereinigt um äußere Faktoren.

Was Speed Figures messen – und was nicht

Speed Figures – auf Deutsch Geschwindigkeitskennzahlen oder Leistungsziffern – sind numerische Werte, die die Geschwindigkeit eines Pferdes in einem bestimmten Rennen relativ zu einem Standardwert messen. Sie berücksichtigen Distanz, Geläufverhältnisse, Wind und manchmal auch die Rennklasse, um eine Zahl zu erzeugen, die rennübergreifend vergleichbar ist.

In den USA und Großbritannien sind Speed Figures ein Standardwerkzeug der Formanalyse. Die Beyer Speed Figures, benannt nach dem amerikanischen Rennanalysten Andrew Beyer, sind dort so etabliert, dass sie in jeder Rennzeitung stehen. In Deutschland ist die Verbreitung deutlich geringer, was sowohl eine Schwäche als auch eine Chance ist: Wer Speed Figures nutzt, hat in einem Markt, in dem die meisten Wetter nur Formziffern lesen, einen Informationsvorsprung.

Was Speed Figures nicht messen: die taktische Dimension eines Rennens. Ein Pferd, das bewusst zurückgehalten wird und auf den letzten 200 Metern locker gewinnt, hat eine niedrigere Speed Figure als sein tatsächliches Potenzial. Ein Pferd, das von Anfang an maximal galoppiert und am Ende knapp gewinnt, hat eine hohe Figure, aber möglicherweise wenig Reserven für ein stärkeres Feld. Speed Figures sind ein Werkzeug unter vielen – wertvoll, aber nicht allein ausreichend.

Wie Speed Figures berechnet werden

Die Grundidee ist überraschend simpel, die Umsetzung erfordert allerdings sorgfältige Datenarbeit. Die deutsche Galopprennsaison 2025 umfasste 862 Rennen an 114 Renntagen mit durchschnittlich 8,40 Startern – ein Datensatz, der groß genug ist, um statistisch belastbare Figures zu berechnen.

Der Prozess beginnt mit der Ermittlung der Rennzeit. Diese wird mit einer Standardzeit für die jeweilige Distanz und Rennbahn verglichen. Die Differenz wird in eine Zahl umgerechnet – schneller als der Standard ergibt eine positive Abweichung, langsamer eine negative.

Der entscheidende Schritt ist die Geläufkorrektur. Ein Rennen auf schwerem Boden produziert systematisch langsamere Zeiten als eines auf festem Boden. Die Korrektur schätzt, wie viel langsamer das gesamte Rennprogramm an einem bestimmten Tag war, und passt die individuellen Figures entsprechend an. Ohne diese Korrektur wären Figures von Rennen auf verschiedenen Böden nicht vergleichbar.

Manche Systeme berücksichtigen zusätzlich die Windverhältnisse, die Breite der Laufbahn (Innenbahn vs. Außenbahn) und die Rennklasse. Je mehr Faktoren einfließen, desto präziser die Figure – aber auch desto komplexer die Berechnung und desto anfälliger für Fehler in den Eingabedaten.

Ich persönlich berechne Speed Figures nicht selbst, sondern nutze verfügbare Quellen und gleiche sie mit meiner eigenen Formanalyse ab. Die Kombination aus Speed Figures und visueller Rennbeobachtung ergibt ein vollständigeres Bild als jede Methode allein.

Ein praktischer Tipp für den Einstieg: Beginne mit einer simplen Version. Notiere dir für jedes Rennen, das du verfolgst, die Rennzeit und das Geläuf. Nach einigen Wochen hast du eine persönliche Datenbank, die dir zeigt, welche Pferde auf welchem Boden wie schnell laufen. Das ist noch keine ausgereifte Speed-Figure-Berechnung, aber ein erster Schritt in diese Richtung – und bereits mehr, als 90% aller deutschen Pferdewetter tun.

Fortgeschrittene Anwender können einen Schritt weitergehen und sogenannte Par-Zeiten berechnen – Standardzeiten für jede Distanz an jeder Rennbahn, basierend auf historischen Daten. Die Abweichung eines Pferdes von der Par-Zeit, bereinigt um das Geläuf, ergibt eine rudimentäre Speed Figure. In der amerikanischen Tradition werden diese Figures auf einer Skala von 0 bis 130 normiert, wobei 100 eine durchschnittliche Leistung eines Gruppe-I-Pferdes darstellt.

Speed Figures in der Wettpraxis einsetzen

Speed Figures haben auch einen psychologischen Vorteil: Sie schaffen Objektivität. Statt mich von der Ästhetik eines Rennverlaufs oder dem Ruf eines Pferdes beeinflussen zu lassen, kann ich auf eine Zahl schauen und fragen: Ist diese Leistung messbar besser als die der Konkurrenz? Nüchterne Zahlen sind ein wirksames Gegenmittel gegen die emotionalen Verzerrungen, die jeden Wetter von Zeit zu Zeit befallen.

Die spannendste Anwendung von Speed Figures liegt nicht im Identifizieren des schnellsten Pferdes – das kann der Markt auch. Sie liegt im Erkennen von Pferden, deren letzte Figure nicht ihre wahre Leistungsfähigkeit widerspiegelt.

Favoriten gewinnen bei Pferderennen nur in etwa 30% der Fälle. Das bedeutet, dass 70% der Rennen von Pferden gewonnen werden, deren Form der Markt nicht vollständig eingepreist hat. Speed Figures helfen, diese Pferde zu identifizieren – zum Beispiel ein Pferd, das in seinem letzten Rennen eine niedrige Figure hatte, aber nachweislich von einem schlechten Rennverlauf (eingeklemmt, keine freie Bahn) beeinträchtigt wurde. Seine vorletzte Figure – deutlich höher – spiegelt das tatsächliche Potenzial besser wider.

Ein weiterer Anwendungsfall: Klassenvergleiche. Wenn ein Pferd aus dem Ausgleich III eine Speed Figure von 85 hat und ein Pferd aus dem Ausgleich I eine Figure von 90, ist der Klassenunterschied quantifizierbar. Steigen beide in einem Listed-Rennen aufeinander, weißt du, wie groß der Leistungsunterschied tatsächlich ist – nicht in subjektiven Eindrücken, sondern in Zahlen.

Mein Workflow: Ich erstelle für jedes Rennen eine Figure-Rangliste und vergleiche sie mit der Quotenrangfolge des Marktes. Gibt es Abweichungen – zum Beispiel ein Pferd mit der zweitbesten Figure, das aber nur als Vierter im Markt steht – prüfe ich, ob die Diskrepanz erklärbar ist. Wenn nicht, ist das ein Signal für eine potenzielle Value-Wette. Mehr über die systematische Auswertung aller Leistungsdaten findest du im Leitfaden zur Formanalyse.

Ein letzter strategischer Hinweis: Speed Figures sind am wertvollsten in Rennen mit vielen Startern und breiter Quotenverteilung, weil dort die Markteinschätzungen am unsichersten sind. In einem Zweierwettrennen zwischen dem klaren Favoriten und einem Gegner bringen Speed Figures wenig Mehrwert – die Einschätzung ist offensichtlich. In einem Ausgleichsrennen mit zwölf Startern und Quoten zwischen 4,00 und 20,00 können Speed Figures dagegen echte Fehlbewertungen aufdecken und Value-Wetten identifizieren, die ohne dieses Werkzeug unsichtbar geblieben wären.

Gibt es Speed Figures für deutsche Galopprennen?
Es gibt keine offiziell veröffentlichten Speed Figures für den deutschen Galopp, wie man sie aus den USA oder Großbritannien kennt. Einige private Analysten und spezialisierte Plattformen berechnen Leistungskennzahlen für deutsche Rennen, und die Datengrundlage von Deutscher Galopp ermöglicht die eigenständige Berechnung. Die geringere Verbreitung in Deutschland bedeutet: Wer Speed Figures nutzt, hat einen Informationsvorsprung gegenüber der Mehrheit der Wetter.
Ersetzen Speed Figures die klassische Formanalyse?
Nein. Speed Figures messen die Geschwindigkeit eines Pferdes unter bestimmten Bedingungen, erfassen aber nicht die taktische Dimension – ob ein Pferd zurückgehalten wurde, ob es freie Bahn hatte, ob der Jockey optimal geritten hat. Die stärkste Analyse kombiniert Speed Figures mit visueller Rennbeobachtung, Geläufpräferenzen und Jockey-Trainer-Daten. Speed Figures sind ein wertvolles Werkzeug im Gesamtbild, kein Ersatz dafür.